Bistum Fulda

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Liebe Schwestern und Brüder!


Knapp ein Jahr nach meiner Amtseinführung wende ich mich erneut mit einem Hirtenwort an Sie. Dankbar schaue ich auf sehr viele Begegnungen in den vergangenen 11 Monaten im Bistum zurück. Immer wieder versichern mir Menschen, dass sie die Anliegen des Bistums und des Bischofs im Gebet mittragen. In den letzten Monaten bin ich oft von Besuchen vor Ort nach Hause gekommen und habe beim Abendgebet feststellen dürfen: Was haben wir für unterschiedliche Menschen, die mit ihrem inneren Feuer das Gesicht unserer Kirche hier im Bistum Fulda prägen! Zugleich begegne ich Menschen, die auf unterschiedliche Weise an Grenzen gekommen sind. Es bleibt die Herausforderung, auch diesen Grenzen gerecht zu werden.


Gerade die ersten Wochen zu Beginn des Jahres 2020 haben uns gezeigt, in welchen Herausforderungen wir stehen: Da sind die politischen Spannungen, ob auf globaler Ebene oder in unserem Land. Was wir in Hanau und Volkmarsen erleben mussten, erschüttert uns zutiefst. Da bricht in China ein neuartiger Virus aus. In der Kirche erleben wir die Herausforderungen, für die der Synodale Weg der Katholischen Kirche in Deutschland steht. Bezogen auf unseren Bistumsprozess zeichnen sich Entscheidungen ab. In diesen Wochen kommt mir immer wieder das Bild vom Sturm auf dem See Genesareth in den Sinn. Gemäß dem Lukasevangelium sind die Jünger mit Jesus im Boot unterwegs, als sie von einem heftigen Sturm überrascht werden.


Vielleicht geht es Ihnen ähnlich und wir entdecken uns selbst in dem, was von den Jüngern geschrieben wird: Wir rudern unentwegt, wir scheinen aber den großen Kurs des Schiffes damit kaum zu beeinflussen. Wir schöpfen das Wasser aus dem Boot und wir entdecken dabei immer mehr Löcher.


Ist der Herr selbst noch im Boot? Wo lässt er sich finden? Das sind nicht nur die Fragen der Jünger damals. Manchen kommt – bildlich ausgedrückt – der Gedanke: Unser Boot, mit dem wir als Kirche unterwegs sind, hat Jesus selbst gebaut. Aber im Laufe der Zeit wurde das Boot sehr ramponiert, sei es durch das Fehlverhalten der Steuerleute, sei es durch Stürme von außen. So sei der ursprüngliche Plan Jesu kaum mehr im jetzigen Zustand des Bootes zu erkennen. Andere haben den Eindruck: Unser Boot hat inzwischen einen Kurs eingeschlagen – oder es steht kurz davor– auf dem der Herr so nicht dabei sein kann. Folglich müssen wir erst wieder auf die richtige Route zurückfinden beziehungsweise stramm auf Kurs bleiben.


Wo ist Jesus? Dem Lukasevangelium nach finden die Jünger den Herrn in ihrem Boot (vgl. Lk 8, 22-25). Trotz des aufziehenden Sturms hat er die Ruhe weg. Mehr noch, er nutzt die Gelegenheit sogar, um zu schlafen. Das deute ich als Hinweis: Jesus vertraut den Jüngern im Boot. Später wird er nicht nur den Schlaf im Boot, sondern die Verkündigung seiner Frohen Botschaft den Frauen und Männern anvertrauen, die ihm gefolgt sind. Trotz aller Stürme, trotz aller Enttäuschungen gerade im Kreis seiner Jünger – Jesus vertraut. In seinem Vertrauen zeigt sich das Vertrauen Gottes in sein Volk, wie es bereits Israel erfahren hat.


Jesus vertraut Menschen seine Sendung an, obwohl er erfährt und erleidet, was dabei alles schiefgehen kann. Was bedeutet das für mich in puncto Vertrauen? Im Hören auf die unterschiedlichen Stellungnahmen bei der ersten Vollversammlung des Synodalen Wegs in Frankfurt hat mich dieser Gedanke eingeholt: Kommt in dem, was ich da gerade von einem Menschen höre, auch ein Grundvertrauen zum Ausdruck? Höre ich ein Grundvertrauen heraus, dass der Herr jetzt in dieser Situation, in unserem Ringen bei uns ist? Und: Wie steht es um mein Grundvertrauen? Traue ich denjenigen, die ganz andere Positionen vertreten, zu, dass auch sie sich ehrlich abmühen im Boot des Herrn? Welches Bild habe ich von Gott und vom Menschen? Das sind in meinen Augen die Fragen, die hinter der Vertrauensfrage stehen. An ihr wird sich meines Erachtens wesentlich entscheiden, ob unser Weg als Bistum, als Kirche in Deutschland und als Weltkirche, ob auch unser ökumenischer Weg ein fruchtbarer Weg sein wird.


Nun kann man Vertrauen nicht „machen“. Man kann es schon gar nicht verordnen, auch nicht mit dem Verweis auf entsprechende Bibeltexte. Hier spüre ich als Bischof zusammen mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine große Verantwortung: Wieviel Vertrauen schenke ich denen, die vor Ort Verantwortung tragen, und welche Haltung des Vertrauens wird so gefördert? Auf unterschiedliche Weise haben wir in unserem Leben Vertrauensbrüche erlebt. Diese haben ihre Wirkungen. Gibt es ein Grundvertrauen, aus dem heraus ich auch einen Vertrauensvorschuss geben kann? Oder ist bei mir das Misstrauen ein dominierendes Gefühl? Unsere Seele ist geprägt von sehr grundlegenden Erfahrungen. Manches liegt sehr weit in unserem Leben zurück. Es ist mit der Erinnerung kaum einholbar und prägt doch sehr entscheidend unsere Affekte und unsere Grundstimmung. Diese Affekte treten gerade in spannungsreichen Momenten offen oder auch verdeckt zu Tage. Das biblische Bild vom Sturm auf dem See ist ein gutes Bild für solche Momente. 

Den Christen in den ersten Gemeinden wird das nicht anders gegangen sein. Die Apostelgeschichte deutet solche Stürme an. Wie gehen die Frauen und Männer am Anfang der Kirche damit um? Ob sie nicht gerade in der Erzählung vom Sturm auf dem See ein Bild für ihre aktuelle Lage entdeckt haben? Dieses Bild mit dem Boot und Jesus ist bereits ein österliches Bild. Denn der Weg Jesu von Palmsonntag bis Ostern, er zeigt uns: Jesus steigt trotz aller Stürme und auch trotz der fortgesetzten Begrenztheit der Bootsleute nicht aus. Er bleibt bis zum bitteren Ende – auch bis dahin, wo wir Schiffbruch erleiden. Dadurch steht unsere Fahrt auf hoher See in einem völlig neuen Horizont: im Licht des Ostermorgens.


Doch wie wird aus dieser Überzeugung des Osterglaubens auch ein prägendes Bild für unsere Seele? Bilder und Ereignisse, die wir regelmäßig in unserer Seele aufsteigen lassen, prägen uns. Das gilt sowohl für positive Bilder, die uns wachsen lassen als auch für Bilder, die eine zerstörerische Wirkung haben. Wo die ersten Christen angesichts der existenziellen Herausforderungen damit begonnen haben, regelmäßig Eucharistie und Ostern zu feiern, haben sie sich regelmäßig die Bilder von Golgotha und vom Ostermorgen vergegenwärtigt. Dieser Vorgang, Ausdruck des Osterglaubens, hat auf Dauer auch ihre Seele geprägt. Die Fastenzeit kann Anstoß für die Frage sein: Welche österlichen Bilder leben in meiner Seele? Wie können sie neu eine Kraft gewinnen, die mich trägt angesichts aller Stürme, die auf mich und auf uns warten?


Mit diesem Hirtenwort schenke ich Ihnen gerne ein Bild. Auf der Außenseite des Gebetsbildes finden Sie die Ikone von Christus und Abt Menas. Das Bild zeigt nicht unmittelbar ein Ostermotiv. Doch erzählt es mir von einer wesentlichen Ostererfahrung, die ich gerne mit Ihnen teilen möchte:


Nach meinem Studium war ich trotz vieler wertvoller Erfahrungen noch unsicher, ob der Weg als Priester auch mein Weg ist. Ich ging nicht sofort den Weg zur Diakonenweihe. Gerade die Frage nach der Entscheidung für die ehelose Lebensform beschäftigte mich nachhaltig. Mir war vieles zugewachsen, was mir für ein Leben als Priester wertvoll erschien. Aber – es blieb die letzte Frage: Tragen diese Erfahrungen tatsächlich ein Leben lang als Priester? Oder kann da nicht doch sehr schnell der Absturz erfolgen? Mir wurde bewusst, die Argumente pro und contra lassen sich nur bis zu einem gewissen Punkt abwägen. Alles Vorausberechnen kommt an eine Grenze. Entscheidung bedeutet immer auch Scheidung: etwas loszulassen, um etwas anderes zu ergreifen. Manche von Ihnen werden ähnliches erlebt haben, als Sie sich entschieden haben, einander das Jawort im Sakrament der Ehe zu geben. 

In dieser Situation habe ich im Frühjahr 1996 Exerzitien bei den Franziskanerinnen in Hegne am Bodensee gemacht. Dieses Bild von Christus und Abt Menas spielte für mich in jenen Tagen eine wichtige Rolle. Mich beschäftigte die Frage: Glaube ich, dass Jesus in den kommenden Höhen und Tiefen bei mir sein wird, so wie das die Ikone ausdrückt? In jenen Tagen bin ich oft am Strand des Bodensees spazieren gegangen. Die Boote lagen bereit, mit denen die Fischer bis heute noch fast jede Nacht hinausfahren. Ich habe mich gefragt: Steige ich ein in SEIN Boot? Mein Gedanke war: Es bleibt ein Sprung für Herz und Verstand. Traue ich Jesus zu, dass er mit mir im Boot ist, auch dann, wenn es sehr stürmisch wird? Das war damals so und das ist auch heute so in vielen Entscheidungsprozessen – auch gerade jetzt im Bistum: Wir können die Zukunft nur bis zu einem bestimmten Grad durch unsere Planungen prägen. Letztlich bleibt immer ein Sprung des Vertrauens.


24 Jahre später bin ich dankbar, damals jenen Sprung gewagt zu haben. Längst nicht alle Stürme, die seither kamen, konnte ich vorhersehen. Und ich habe auch keine Ahnung, welche Stürme noch kommen und wie meine Seele darauf reagieren wird. Aber die Ikone, die ich bis heute in meinem Gebetsraum habe, erzählt mir davon: Du darfst springen und du darfst die Erfahrung machen, dass er, Jesus, sich im Boot des Lebens zeigt. Das ist meine Grunderfahrung auch im Bistum Fulda nach 11 Monaten. Ich habe IHN, Jesus, immer wieder entdecken dürfen in ganz konkreten Begegnungen: in der Begeisterung von Kindern, im Suchen und Ringen junger Menschen, in der Kreativität und Ausdauer von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und gerade auch in Menschen, die krank an Leib und Seele sind.


Entdecken wir in dieser Fastenzeit Jesus, der sich im Boot meines Lebens zeigt. Halten wir am Abend einen Moment inne: Gehen wir die Bilder des Tages noch einmal vor unserem inneren Auge durch. Achten wir auf die Bilder, Augenblicke und Worte, die mein Herz heute besonders berührt haben. Betrachten wir diese einen Moment lang. Geben wir diesen Bildern einen Ehrenplatz im Album unserer Seele, in-dem wir es immer wieder betrachten. Vielleicht fängt so ein Bild an zu sprechen und erzählt mir von Jesus. Vielleicht hat Jesus durch dieses Bild eine Botschaft für mich. Vielleicht wird es mein persönliches Osterbild, mit der Botschaft des Auferstandenen: „Fürchte dich nicht, hab Vertrauen, ich bin bei Dir.“


Es segne Sie auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria, des Heiligen Bischofs Bonifatius und der Heiligen Elisabeth von Thüringen der gute und der barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.


Fulda, am 14. Februar 2020, 

am Fest der Heiligen Cyrill und Methodius, der Patrone Europas

Dr. Michael Gerber

Bischof von Fulda


Datum
 

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